René Gabriel
Lag schon seit Beginn meiner Notizen immer zwischen 19/20 und 20/20 Punkten. Nachdem er jetzt in die erste Genussreife gelangt ist und immer wieder für ein berauschendes, delikates Sauternes-Erlebnis gesorgt hat, gönne ich ihm das Prädikat «Jahrhundertwein». Nicht zuletzt deshalb, weil 80 glückliche Jahrtausend-Sylvestergäste, die wir im Hotel Monopol in Luzern beherbergen durften, diese Maximalpunktezahl in Form einer gigantischen Impérialeflasche bezeugen können. Verkostungs-Eindrücke ums Jahr 1990: Nuss-, Röstbouquet. Im Gaumen wiederum Nussaromen, markante und doch fein gegliederte Tanninstruktur, die von Schmelz und Reichtum überdeckt wird, im Finale voll, fett mit guter Balance. Eine wunderschöne Ausgeglichenheit macht diesen Wein zum d'Yquem, wie man ihn schätzt und liebt. 1995 aus einer halben Flasche bei Paul Kunz in Meisterschwanden getrunken: Ein einmaliges Erlebnis! Die kleine Flasche zeigt, wie gross dieser Wein einst werden wird. Das Zünglein an der Waage fragte mich schon lange, ob ich diesen Wein nicht aufwerten möchte. Jetzt ist es soweit: 20/20 Punkte! Mit den Normalflaschen würde ich unbedingt noch warten. Trinken Sie doch unterdessen den 75er oder 37er bis der 83er reif ist! 02: Zum Dessert am Geburtstag von Bruno Meneghin in Basel genossen: Bereits die Nase war eine wahre Sauternes-Explosion; pfeffriges Orangenspiel. Im Gaumen die Perfektion schlechthin. Ich nehme an, dass es nur ganz selten ein Jahrhundert-Yquem gab, der sich bereits in seiner Jugend derart vulgär offenbarte. 03: Semesterprobe in Zürich: Reifendes Gold-Orange; brillant. Delikates, extrem feingliedriges Bouquet; pfeffrig und elegant mit einer parfümierten Süsse von Orangenblüten, Kumquats, Honig und Melisse. Im Gaumen ein tänzerisches, grosses, anmutiges Erlebnis; intensiv, feine Trockenheit, Mandelmehl – so frisch, so elegant. Der Lafaurie hat eigentlich mehr Fett, aber es ist ja schlussendlich die Klasse, die es ausmacht! 20/20. In Wien im April 06 zum Abschluss eines grossen Haut-Brion-Diners in der Coburg. Einfach brillant und perfekt. 08: Eine Magnum aus dem Keller von Martin Stoevesandt im Anschluss an ein wunderschönes Diner (mit einer genialen Ente…) und vielen Jahrgängen Cheval Blanc im Restaurant les Quatre Saisons in Basel. Einfach perfekt!!! (20/20). 12: Dunkles Goldorange, brillant schimmernd. Gleich zu Beginn ein Wahnsinnsbouquet zeigend, Bitterorange, türkischer Honig, Cointreau. Im Gaumen mit viel Rasse, einer dramatischen Konzentration, Orangenmark, kandierte Früchte, in der fein pfeffrigen Frische sogar Mandarinen zeigend und wieder Orangenlikör, klingt endlos lange nach. Gehört zu den ganz grossen, legendären Yquem’s. (20/20). 16: Leider eine Flasche mit einem ganz minimen, fiesen Korken! 17: Ein halbes Fläschchen bei Kurt und Marlis Steger. Extrem süss und - zum Glück - im Innern eine fanz elegante, feine stützende Säure zeigend. Irgendwie mehr Tokajer wie Sauternes. Aber trotzdem genial. (20/20). 17: Magnum. Wunderschön golden leuchtend. Das Bouquet ist traumhaft, zeigt eine intensive, zart trockene Süsse, was die enorme Konzentration unterstreicht. Es duftet nach getrockneten Feigen, nach Rosinen, nach Bual-Madeira, nach Dörraprikosen und kandiertem Honig. Ein Wahnsinns-Süssreigen! Im Gaumen mit gewaltiger Intensität aufwartend, ein richtig gehender Nektar wirkt schier überkonzentriert, gibt dann im Minutentakt nach und nach Aromen frei. Er vermittelt auch den Eindruck einer gigantischen Beerenauslese. Was er – aus technischer Sicht – eigentlich auch genau ist. Eine noch junge Yquem-Legende mit unsterblicher Zukunft. (20/20). 18: Leider eine minim korkige Magnum an einer Raritätenprobe auf Sylt. 19: Magnum. Für einen fast 40jährigen Sauternes, zeigt er genau die richtige Farbe; Ockergold mit orangen Reflexen. Die Nase vermittelt caramelisierte Orangenschalen, Bitterorangen-marmelade, Grand-Marnier und eine herrliche Ration Nougat. Im Gaumen komplex und auch komplett. Das massiv konzentrierte Extrakt weist eine würzgebende und Rasse verleihende Nobelbitterkeit auf der Zunge auf. Das Finale ist bombastisch und ellenlang. Heute genial und dies noch für weitere 50 Jahre. Mindestens. In der Magnum sowieso. (20/20).