René Gabriel
00: Fassprobe (18/20): Intensives Maulbeerenbouquet; wie beim Pavillon auch hier viel Kirschenduft in der Nase vorhanden, dahinter Edelhölzer, Tabak, Korinthen; wirkt noch etwas trocken. Im Gaumen schmelzendes Extrakt, viel Konzentration darin; der Körper zeigt anfänglich eine schlanke Note, packt dann aber doch noch zu und bringt eine immense Adstringenz hervor; auch hier gibt der Kirschenton eine gewisse Rhône-Affinität; im Finale Kaffee, Pflaumen und dunkle Rosen. Die Tannine werden sicherlich in den nächsten zehn Jahren die Grundaromatik dominieren; dann wird sich aus diesem Margaux eine etwas femininere Variante zum Jahrgang 1981 entpuppen. Just nach dem Abfüllen auf dem Château degustiert: berauschendes Dörrfrüchteparfüm; der Merlot wirkt parfümiert und die Frucht zeigt eine Damassine-Pflaumennote; Brotkruste vom zarten Toasting; eine delikate Nasenorgie. Seidige, feine Textur, viel Preisel- und Maulbeeren; zeigt sich jetzt wunderschön, burgundischer Typ. Ein femininer, vielleicht eher mittelgewichtiger Margaux, der schon bald und trotzdem lange Freude machen wird (18/20). 03: Während dem Margaux-Workshop auf der Alp Prui in Ftan: Kräftiges, würziges Bouquet mit tintigen Ansätzen, Waldpilze, Preiselbeer- und Nusstöne; parfümiert und sehr rotbeerig mit floralem Touch. Sehr feine Textur, seidig, mittlere Konzentration, jedoch wunderschön balanciert; eine dezente, aromatische Süsse vom Barrique-Toasting und von den Tanninen ausgehend; zarte Pralinennote und ein mit Karamell endendes, langes Finale. Die Grösse dieses Weines liegt eindeutig in dessen Klasse und Finesse (18/20). 04: Es geht aufwärts, und Margaux 1999 ist nicht der einzige 99er aus dieser Appellation, der so viel Grösse wie bei einem ganz grossen Jahrgang zeigt: extrem dunkles Granat mit lila Schimmer. Wer diesen Wein an die Nase führt, merkt schon aus einer Distanz von 20 cm, dass es sich hier um einen denkwürdigen Wein handeln muss; das Nasenbild ist komplex und schon im ersten Ansatz perfekt: Walnüsse, Dörrpflaumen, Kaffee, ein dramatisches Terroir-Süssspiel, durchsetzt mit Malz- und Darjeelingnoten; schwarze Trüffel à gogo, auch ein Hauch Zitronenthymian (Château Rayas-Nuancen!) und vor allem viel reifes, vielschichtig duftendes Cassis. Die unglaubliche Komplexität setzt sich im Gaumen fort; weich, samtig, mundberstend füllig und doch nicht fett; jedes Detail stimmt; der Tanz der Beeren ist fast fröhlich und das Holz ist cremig eingebaut; im Finale druckvoll. Ein grosser Wein kann auch mal sexy sein. Umgekehrt wird es dann schon schwieriger. Es ist kein Verbrechen, ein grosses Glas schon in seiner Jugendphase in einem Zug zu leeren – sofern man sich dann im Gaumen die nötige Zeit dafür nimmt, um die wahre Grösse zu verstehen. Im Moment in einer derartig splendiden Phase, dass man ihm als einzigem 99er Bordeaux einmal die Maximalwertung zutrauen könnte. Im Herbst 2004 stand dieser Wein «eingeklemmt» zwischen dem grossen Lafite 2000 und dem bulligen Mouton 1998. Also nichts für wenig sensibilisierte Degustoren, denn dieses Mauerblümchen zeigte sich schlank und zart, ja fast unterwerfig. Da ich die drei Weine kannte, riet ich der Gästeschar, mit dem Margaux zu beginnen und ihn ganz auszutrinken, bevor man sich den anderen Pauillac-Boliden zuwandte. Eine lehrreiche Übung, um diesen hochfeinen, eleganten Margaux 1999 richtig zu begreifen (19/20). 05: Mit einer Reisegruppe der Académie du Vin an einem Herbstmorgen auf dem Château getrunken. Alle waren begeistert – inklusive Reiseleiter! Und drei Wochen später an einem Wine & Dine der CS im Restaurant Spice: Ein absolut grosser Margaux und somit in diesem Jahrgang ein Geheimtipp! (19/20). 07: Mittleres Rubin-Purpur. Wuchtiges Bouquet: Wildfleischaromen, tintige Noten, Moschus, Grüntee, würziger Cabernet-Touch; vielschichtig und offen. Angenehmer Gaumen, Terroirwürze, fleischig, stützende Adstringenz; die Gerbstoffe sind noch etwas ledrig; zeigt Trüffel, Bastholz und viel Reserven im Finale. (19/20). 09: Eine Magnum im Hermitage Ste Maxime aus dem kühlen Keller von Lucien Schmidlin. Süss, rund, mit viel Charme, schön parfümiert, weich und burgundisch – ein Fest für den verwöhnten Gaumen. Werden neuere Margaux auch noch so fein und zart werden? Ich glaube nicht! 09: Mit vier anderen 99er Premiers verkostet. Offen, rote Pflaumen, dominikanischer Tabak, Wachs, leichter Säureüberhang. War nicht so ganz happy mit dem Ding. Diese Flasche: 18/20. 13: Kleiner Jahrgang? Mitnichten! Noch immer sehr satt mit vielen Purpur-Reflexen. Die Nase sehr beerig (Waldhimbeeren), rote Kirschen und ein süsser Hauch Grenadine im mit hellem Tabak durchsetzten Bouquet. Im Gaumen satt, stoffig und immer noch gute Adstringenz, wenn auch logischerweise abklingend. Wir hatten den Wein drei Stunden in der Karaffe. Und … er war genau auf dem Punkt. (19/20). 14: Das duftet nach so richtig grossem Bordeaux in der Nase, Trüffel und Kräuter. Im Gaumen mit Charakter. Er ähnelt immer mehr seinem eigenen 1979er. (19/20). 14: Herrlich offen, schöne, rotbeerige, burgundische Frucht. Im Gaumen samtig und füllig. Ein Riesenspass auf hohem Niveau. Schmeckt besser als der Jahrgang generell. (19/20). 16: Sehr dunkles Rubin, Wildkirschentouch, Waldhimbeeren, dezent florale Begleitnoten und noch im Untergrund wirkende Röstaromen; konzentriert und delikat zugleich. Im Gaumen noch fruchtiger als in der Nase, passender Stoff und mit langem, rotbeerigen Finale endend. Ein überraschend grosser Margaux und ein grossartiger 1999er. Er ist wesentlich besser als das generelle Jahrgangsimage. Da gibt es aber auch noch andere Überraschungen. Aber wenige auf diesem Niveau. (19/20). 16: Der wunderbare Duft ist wie bei einem ganz grossen Margaux. Im Gaumen wird er jetzt langsam etwas schlanker, und so kommen die Konturen des nicht ganz grossen Jahrganges zum Vorschein. (18/20). 17: Aufhellendes Granat, etwas matt und am Rand aufhellend. Die Nase zeigt (noch immer) recht viele Röstnoten, etwas Glutamat, Backpflaumen und helle Schokolade. Er vermittelt so eine wunderbare, rotbeerige Süsse. Im Hintergrund feine Nuancen von roter Pfefferschote durch knapp ausgereiftes Traubengut. Im Gaumen stoffig, auch hier wieder eher rotbeerig, aber dies passt zu diesem recht grossen Margaux. Ohne grosse Jahrgänge daneben würde man diesen Wein glatt unterschätzen. Ein burgundischer Bordeauxspass. (18/20). 17: Im Restaurant Les Santons in Grimaud (Südfrankreich). Hat sich in den letzten Jahren wenig entwickelt. Also ohne Eile zu geniessen.